STADTWERDUNG ZWISCHEN DORF, ARBEITSNUTZUNG UND LANDSCHAFTSRAUM


Im Fernbild I wird ein Tal skizziert, das von langen Höhenzügen
flankiert wird. Im Norden wie im Süden der stark
landwirtschaftlich genutzten Talsohle liegen zwei historisch
gewachsene Dörfer. In der Siegfriedkarte von 1930 ist entlang
des Siedlungsgebiets bereits die Verkehrsinfrastruktur
erkennbar, welche die spätere Raumentwicklung prägen
wird. Die Führung und Dimensionierung der übergeordneten
Verkehrsnetze entlang der Talsohle verweist auf die starke
Orientierung der Dörfer zum nahen städtischen Zentrum.
Quer zu diesem Verkehrsnetz – und somit quer zum Tal –
verbindet eine markante Strassenachse die beiden Dörfer.
Die flächenverzehrende Siedlungsentwicklung bis 2010 ist
das Resultat eines ungebrochenen Baubooms. Peripher,
an den Gemeindegrenzen in der Ebene, wurden flächenintensive
Industriebauten angesiedelt. In den Hanglagen
oberhalb der historischen Dorfkerne verdrängen Einfamilienhausgebiete
den früheren Weinbau.
Die heute in ihrem Charakter unterschiedlichen Agglomerationsräume
der beiden Dörfer entwickeln sich bei einer
Verdoppelung der Einwohnerzahl auf 20 000 im Jahr 2080
zu einer Kleinstadt mit spezifischen urbanen Qualitäten, mit
starkem Bezug zur dörflichen Geschichte und zum Landschaftsraum.
Die Strategie einer Siedlungsentwicklung nach innen akzentuiert
die Siedlungsränder städtebaulich und erlaubt den
Rückbau zerfranster Ränder. Sie zielt auf die Erhaltung und
Stärkung der bestehenden Landschaftsqualität.
Die verschiedenartigen und weitgehend unzusammenhängenden
Siedlungsräume – Einfamilienhäuser am Hang, historische
Dorfmitte, Wohnquartiere höherer Dichte sowie
Industrieareale – bilden in Zukunft ein neues, funktional
und städtebaulich verknüpftes Gefüge. Dadurch wird das
Verkehrsaufkommen stabilisiert und die Nähe wie auch die
leichte Zugänglichkeit des Landschaftsraumes als besondere
Standortqualität in Wert gesetzt. Die Verkehrsachse zwischen
den beiden historischen Dorfkernen wird zu einem
(klein-) städtischen, von urbanem Flair geprägten Boulevard
ausgebaut, und flankierend wird eine eher kleinteilige Baustruktur
beibehalten.
Bewusst werden innerhalb des Stadtgefüges öffentliche
Räume mit differenzierten Qualitäten gesetzt: ein Stadtpark,
ein linearer Park entlang des Bachlaufs und urbane
Pocket Parks.


ZENTRALES STADTQUARTIER MIT INDUSTRIELLER PRÄGUNG
Brachliegende Flächen und schlecht genutzte Areale inmitten einer erschlossenen
Siedlungsstruktur kann sich die neu entstehende Stadt nicht mehr leisten. Die ehemalige Peripherie rückt ins Zentrum der Verdichtungsmassnahmen.
Da, wo sich die Infrastrukturen kreuzen, entsteht auf der Basis des bestehenden Strassen- und
Schienennetzes ein urbaner Stadtraum. Die industrielle und gewerbliche Nutzung bleibt weiterhin
wichtiger Bestandteil der Kleinstadt. Die flächengreifenden Gewerbehallen werden aufgestockt, die
zahlreichen Brachen stehen für neue Nutzungen offen. Durch die Definition vonBaulinien und die Erweiterung mit einzelnen grossformatigen Volumen entstehen eindeutig lesbare öffentliche
Räume.
Verbindende und identitätsstiftende Elemente des Quartiers sind der lineare Park, der Boulevard sowie die bestehenden Stränge der Industriegleise. Einzelne Querstrassen werden baulich verdichtet und
erhalten eine strassenseitige Randbebauung, was ihre urbane Erscheinung verstärkt. Pocket Parks und städtische Plätze sind Teil dieser Kleinstadt; auch der stellenweise erhaltene Feldrain wird als
Umsäumung des Stadtquartiers verstärkt und durch Baumreihen ergänzt.


HISTORISCHE DORFMITTE UND SIEDLUNGSRAND AM HANG
Das historische Gebäudeensemble wird durch kleinteilige Volumen
ergänzt und die Nutzungsdichte in der Dorfmitte erhöht. Frei- und
Resträume im Dorfkern werden aufgewertet.
An die Dorfmitte anschliessende, freistehende Gebäude werden an den Strassen sukzessive zu Reihenstrukturen nachverdichtet. Bisherige Grenzabstände werden aufgehoben.
Durch die Ungleichzeitigkeit des Stadtumbaus wird eine spannungsvolle
Heterogenität in den Bebauungsformen möglich. Die Quartiertypologie erlaubt die Kombination von Wohn- und Arbeitsnutzung in mehrgeschossigen Gebäuden. Vorgärten und innenliegende Grünflächen geben der Bebauung eine klare Gliederung.
Die Reihenhausstruktur fasst die Strassenräume beidseitig.
Durch Gebäude mit rückwärtigem Garten wird ein Siedlungsabschluss gebildet, der einen stimmigen
Übergang zur Landschaft und zu landwirtschaftlichen Flächen gewährt.
Der Rückbau am Dorfrand basiert auf längerfristigen Vereinbarungen mit den Eigentümern und den
Ergebnissen von Güterumlegungen.
Die frei gewordenen, ehemaligen Baugebiete verfügen über eine spezifische landschaftliche
Qualität. Während dem Umbauprozess können die Parzellen als verschiedenartige ökologische Nischen
zwischengenutzt werden, später werden sie erneut der Landwirtschaft für den Anbau des stadteigenen Weins zugeführt.


DIFFERENZIERTE AUSSENRÄUME
Die Siedlung bildet eine markante Silhouette in der Landschaft. Sie wird als Baudenkmal erhalten und
mit identischen Riegeln weitergebaut. Die bestehenden Gebäude werden im Erdgeschoss mit eingeschossigen Atelier- und Gewerberäumen ergänzt und erhalten im Osten eine neue Raumschicht, um die einseitige Orientierung zu korrigieren.
Die Gebäudezwischenräume werden zu parkähnlichen Grünflächen umgestaltet und durch die
neue Gewerbenutzung öffentlicher.
Zur Strasse hin wird die Bebauung neu mit einer markanten Geländekante abgeschlossen. Als begehbare «Stadtmauer» öffnet sie sich auf den Landschaftsraum.
Durch bauliche Verdichtung und Bevölkerungszunahme wachsen die Bedürfnisse nach Grünflächen im Siedlungsgebiet.
Die gestalteten Freiräume enthalten zusätzliche und neuartige Angebote der Naherholung.
Der lineare Park entlang des Bachlaufes bildet eine grüne Ader quer zum baumbestandenen Boulevard. Verschiedene Pocket Parks werden ins Stadtgefüge eingebaut und bieten Raum für wohnungs- und arbeitsplatznahe Kurzerholung.
Zwischen Boulevard und Landwirtschaftszone vermittelt der neue Stadtpark.
Die Bebauung entlang des Boulevards profitiert von der privilegierten Sicht über beide Grünräume.