086 Intra Muros

086 Intra Muros

Anbau und Erweiterung Roth-Haus, Wettbewerb mit Präqualifikation, 1. Preis

Das Roth-Haus im aargauischen Muri steht innerhalb der einstigen Klosteranlage, südöstlich der früheren Klostermauer. Die quadratische Klosteranlage ist heute nicht mehr in ihrer Gänze lesbar, die Überreste der Klostermauer sind noch partiell erkennbar. «intra muros» betitelten wir angesichts dieser Gegebenheit den Umbau und die Erweiterung des Wohnheims. Denn «intra muros» beschreibt unseren Kerngedanken bei diesem Projekt: die Umfriedung zu stärken. So gewinnen das Innere und das Äussere der historischen Anlage wieder an Bedeutung.

Das Kloster Muri ist ein bedeutendes Kulturdenkmal im Kanton Aargau. Die einst reichste Benediktinerabtei der Schweiz wurde 1841 aufgelöst. Später brannten die Ostfront und Abtskapelle. In den restaurierten Ostbau zog 1909 das Wohnheim «pflegimuri» ein. Die anderen Räume des barocken Baus nutzt heute die Gemeindeverwaltung.

Im 17. Jahrhundert als Kaufhaus errichtet, diente das Roth-Haus später als Kornhaus. In alten Ansichten ist dies an der minimalen Befensterung erkennbar. Die alten Ansichten zeigen zudem: der Speicher wurde als «vorderer Föhn» bezeichnet. Er bildete die südöstliche Ecke der Anlage. Weiter diente das Roth-Haus als Postkutschenstation, Metzgerei mit Wohnhaus, Seidenwinderei und Bankfiliale. Beim durchgreifenden Umbau zum Wohn- und Geschäftshaus 1906 erhielt der Bau die klassizistische Gründerzeit- Fassade in Rot und wurde fortan «Rothaus» genannt. Dicht an der Hauptachse zwischen Aarau und Luzern positioniert, prägt das Roth-Haus seit jeher das Ortsbild von Muri.

Das Roth-Haus wurde 1989 an die «pflegimuri» verkauft, später wurde die gleichnamige Stiftung gegründet. Mitte der Neunzigerjahre baute man das Haus fundamental um, denn es genügte nicht den räumlichen Ansprüchen eines Behindertenheims. Das Haus wurde bis auf die Fassade und den Dachstuhl entkernt. Man entfernte sämtliche inneren Wände und Strukturen. Die neu eingebrachten Geschossplatten beruhten auf vier Betonstützen. Schliesslich stand mit der Erweiterung knapp dreissig Jahre später die nächste grosse Erneuerung an.

Im Spannungsfeld zwischen historischer Umgebung und zeitgenössischen Ansprüchen sollten wir das Wohn- und Beschäftigungsheim für Erwachsene mit Behinderungen umbauen und erweitern. Angesichts dieser Ausgangslage stellten sich bei der Erarbeitung von «intra muros» etwa folgende Fragen:

Wie betten wir einen Anbau in einer ortsbaulich aussergewöhnlichen Lage ein und erfüllen zugleich die Bedürfnisse des Wohnheims, etwa betriebliche und funktionale Trennung zwischen Schlaf-und Wohnräumen?

Wie werden wir beim Umbau der bauhistorischen Lage gerecht und zugleich den Anforderungen eines zeitgemässen Heimbetriebs?

Wie vereinen wir die geforderte Alltagstauglichkeit mit unseren architektonischen Ansprüchen? Und wie setzen wir diese mit bescheidenen Mitteln nachhaltig um?

Die Frage nach der Vereinbarkeit unterschiedlicher Ansprüche bildete denn die Herausforderung und war zugleich unsere treibende Kraft, das gestalterische Potenzial dieser Aufgabe auszuloten. Schliesslich fanden wir zu einer feinsinnigen Sprache, die dem Kontinuum vom Alten zum Neuen Rechnung trägt.

Der bestehende Bau liess sich ohne tiefe Eingriffe bis auf die Tragstruktur aus den Neunzigerjahren zurückbauen. Das punktuelle Tragsystem gab uns Freiheit. Wir konnten etwa die geschwungene Form des Neubaus im Altbau weiterführen.

Der viergeschossige, monolithische Anbau wächst aus dem Altbau heraus. Der langgezogene Anbau stärkt die Umfriedung, indem er auf der einstigen Klostermauer steht. Mit seinem schmalen Volumen schafft der Anbau Raum für die Grünanlage daneben. Seine Fassade aus Sichtbeton mit horizontaler Holzschalung widerspiegelt den tektonischen Aufbau der Mauer.

Der Anbau fügt sich geometrisch an die Tragstruktur des Altbaus, steht präzise in der topografisch komplexen Umgebung. Der Südklosterrain etwa verläuft auf ungleichem Niveau zur Aarauerstrasse. Der Anbau mit den Gemeinschaftsräumen für die vier Wohngruppen aber vermittelt als Passstück zwischen den verschiedenen Niveaus: Südklosterrain, Werkstatt und Park, Hauptzugang und Zufahrt.

Der minimale Anbau schafft im Inneren maximale Räumlichkeit. Diese widerspiegelt sich in der Verbindung zwischen Neu- und Altbau: Der Anbau verjüngt sich zum historischen Roth-Haus hin. Im Inneren setzt sich unsere Idee des Kontinuums fort. Eine lange, geschwungene Wand ermöglicht fliessende Fortbewegung, gerade mit Rollstühlen. Die feinsinnige Sprache zeigt sich auch in der Materialisierung. Sie zeichnet sich durch die Haptik und die natürlichen Materialien aus. Gekrümmte Wände aus Kalkputz etwa will man anfassen, oder sich auf dem in eine Richtung verlegten Riemenparkettboden hinlegen.

Team Wettbewerb
Marie Page
Axel Chevroulet
Claudia Häfeli
Marianne Baumgartner
Luca Camponovo

Team Ausführung
Kaj Blattner
Marie Page
Laura Pastior

Projekt
Um- und Anbau Behindertenheim

2017-2021

Auftraggeber
Stiftung Roth-Haus Muri

Bauleitung
Gino Guntli und Kaj Blattner

Anbau und Erweiterung Roth-Haus, Wettbewerb mit Präqualifikation, 1. Preis

Das Roth-Haus im aargauischen Muri steht innerhalb der einstigen Klosteranlage, südöstlich der früheren Klostermauer. Die quadratische Klosteranlage ist heute nicht mehr in ihrer Gänze lesbar, die Überreste der Klostermauer sind noch partiell erkennbar. «intra muros» betitelten wir angesichts dieser Gegebenheit den Umbau und die Erweiterung des Wohnheims. Denn «intra muros» beschreibt unseren Kerngedanken bei diesem Projekt: die Umfriedung zu stärken. So gewinnen das Innere und das Äussere der historischen Anlage wieder an Bedeutung.

Das Kloster Muri ist ein bedeutendes Kulturdenkmal im Kanton Aargau. Die einst reichste Benediktinerabtei der Schweiz wurde 1841 aufgelöst. Später brannten die Ostfront und Abtskapelle. In den restaurierten Ostbau zog 1909 das Wohnheim «pflegimuri» ein. Die anderen Räume des barocken Baus nutzt heute die Gemeindeverwaltung.

Im 17. Jahrhundert als Kaufhaus errichtet, diente das Roth-Haus später als Kornhaus. In alten Ansichten ist dies an der minimalen Befensterung erkennbar. Die alten Ansichten zeigen zudem: der Speicher wurde als «vorderer Föhn» bezeichnet. Er bildete die südöstliche Ecke der Anlage. Weiter diente das Roth-Haus als Postkutschenstation, Metzgerei mit Wohnhaus, Seidenwinderei und Bankfiliale. Beim durchgreifenden Umbau zum Wohn- und Geschäftshaus 1906 erhielt der Bau die klassizistische Gründerzeit- Fassade in Rot und wurde fortan «Rothaus» genannt. Dicht an der Hauptachse zwischen Aarau und Luzern positioniert, prägt das Roth-Haus seit jeher das Ortsbild von Muri.

Das Roth-Haus wurde 1989 an die «pflegimuri» verkauft, später wurde die gleichnamige Stiftung gegründet. Mitte der Neunzigerjahre baute man das Haus fundamental um, denn es genügte nicht den räumlichen Ansprüchen eines Behindertenheims. Das Haus wurde bis auf die Fassade und den Dachstuhl entkernt. Man entfernte sämtliche inneren Wände und Strukturen. Die neu eingebrachten Geschossplatten beruhten auf vier Betonstützen. Schliesslich stand mit der Erweiterung knapp dreissig Jahre später die nächste grosse Erneuerung an.

Im Spannungsfeld zwischen historischer Umgebung und zeitgenössischen Ansprüchen sollten wir das Wohn- und Beschäftigungsheim für Erwachsene mit Behinderungen umbauen und erweitern. Angesichts dieser Ausgangslage stellten sich bei der Erarbeitung von «intra muros» etwa folgende Fragen:

Wie betten wir einen Anbau in einer ortsbaulich aussergewöhnlichen Lage ein und erfüllen zugleich die Bedürfnisse des Wohnheims, etwa betriebliche und funktionale Trennung zwischen Schlaf-und Wohnräumen?

Wie werden wir beim Umbau der bauhistorischen Lage gerecht und zugleich den Anforderungen eines zeitgemässen Heimbetriebs?

Wie vereinen wir die geforderte Alltagstauglichkeit mit unseren architektonischen Ansprüchen? Und wie setzen wir diese mit bescheidenen Mitteln nachhaltig um?

Die Frage nach der Vereinbarkeit unterschiedlicher Ansprüche bildete denn die Herausforderung und war zugleich unsere treibende Kraft, das gestalterische Potenzial dieser Aufgabe auszuloten. Schliesslich fanden wir zu einer feinsinnigen Sprache, die dem Kontinuum vom Alten zum Neuen Rechnung trägt.

Der bestehende Bau liess sich ohne tiefe Eingriffe bis auf die Tragstruktur aus den Neunzigerjahren zurückbauen. Das punktuelle Tragsystem gab uns Freiheit. Wir konnten etwa die geschwungene Form des Neubaus im Altbau weiterführen.

Der viergeschossige, monolithische Anbau wächst aus dem Altbau heraus. Der langgezogene Anbau stärkt die Umfriedung, indem er auf der einstigen Klostermauer steht. Mit seinem schmalen Volumen schafft der Anbau Raum für die Grünanlage daneben. Seine Fassade aus Sichtbeton mit horizontaler Holzschalung widerspiegelt den tektonischen Aufbau der Mauer.

Der Anbau fügt sich geometrisch an die Tragstruktur des Altbaus, steht präzise in der topografisch komplexen Umgebung. Der Südklosterrain etwa verläuft auf ungleichem Niveau zur Aarauerstrasse. Der Anbau mit den Gemeinschaftsräumen für die vier Wohngruppen aber vermittelt als Passstück zwischen den verschiedenen Niveaus: Südklosterrain, Werkstatt und Park, Hauptzugang und Zufahrt.

Der minimale Anbau schafft im Inneren maximale Räumlichkeit. Diese widerspiegelt sich in der Verbindung zwischen Neu- und Altbau: Der Anbau verjüngt sich zum historischen Roth-Haus hin. Im Inneren setzt sich unsere Idee des Kontinuums fort. Eine lange, geschwungene Wand ermöglicht fliessende Fortbewegung, gerade mit Rollstühlen. Die feinsinnige Sprache zeigt sich auch in der Materialisierung. Sie zeichnet sich durch die Haptik und die natürlichen Materialien aus. Gekrümmte Wände aus Kalkputz etwa will man anfassen, oder sich auf dem in eine Richtung verlegten Riemenparkettboden hinlegen.

Team Wettbewerb
Marie Page
Axel Chevroulet
Claudia Häfeli
Marianne Baumgartner
Luca Camponovo

Team Ausführung
Kaj Blattner
Marie Page
Laura Pastior

Projekt
Um- und Anbau Behindertenheim

2017-2021

Auftraggeber
Stiftung Roth-Haus Muri

Bauleitung
Gino Guntli und Kaj Blattner

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